Den Winzern die Wadeln gerichtet
04.08.2010 - Kategorien: Reise & Touristik
Zeit Online, 10. Juni 2010
Vor sechs Jahren beschloss Jutta Ambrositsch, die Werbung an den Nagel zu hängen und Winzerin zu werden. Seitdem mischt sie die Heurigen-Szene in Wien auf.
Vor sechs Jahren beschloss Jutta Ambrositsch, die Werbung an den Nagel zu hängen und Winzerin zu werden. Seitdem mischt sie die Heurigen-Szene in Wien auf.
Den schönsten Ausblick auf Wien hat man nicht etwa vom 137 Meter hohen Stephansdom. Jutta Ambrositsch weiß, dass die Sicht von ihrem Arbeitsplatz aus noch viel spektakulärer ist. Die ehemalige Werbegrafikerin baut seit sechs Jahren Wein an, unter anderem auf dem Nussberg, keine 20 Autominuten von der Wiener Innenstadt entfernt. "Hier liegt mir die Stadt zu Füßen", schwärmt Ambrositsch, eine von wenigen Frauen in ihrem Beruf und mit 35 Jahren auch eine der jüngsten Vertreterinnen der Winzerzunft.
Buschenschank in Grinzing
Sportliche Designerkleidung, weißes Laptop – man sieht ihr die Werberin noch an. Aber wenn sie zur Arbeit geht, trägt sie Gummistiefel und Gartenhandschuhe. Die Fahrt zu ihrem Hang am Nussberg führt durch beide Welten, in denen sie zu Hause ist: Von der Innenstadt aus geht es durch den 19. Bezirk, ein Nobelviertel Wiens, in dem sich Werbeagenturen und Kreative niedergelassen haben und die Gegend entsprechend prägen. Hinter dem Edelbezirk endet die Großstadt plötzlich und es geht nach oben, durch urige, schmale Gassen, vorbei an ehemaligen Heurigen, von denen heute nur noch wenige betrieben werden. Am idyllischen Pfarrplatz steht das Beethovenhaus, in dem der Komponist 1817 gelebt hat. Hier scheint die Zeit stillzustehen: Der Wein, der den Innenhof umrankt, das grobe Kopfsteinpflaster und die Geranien in den Fenstern wirken wie aus längst vergangenen Tagen.
Von nun an wird der Weg immer steiler, das Auto quält sich um die engen Kurven – und plötzlich findet man sich mitten in den Weingärten wieder. Wer hier aussteigt und durch das sattgrüne Gras durch die Reihen von Weinstöcken geht, erblickt am Fuß des Bergs: Wien. Die Donau, das Riesenrad, der Dom – was eben noch eine laute, lebendige Großstadt war, wirkt auf einmal ganz ruhig und friedlich, wie ein riesiges Dorf. Erst von hier oben wird sichtbar, wie weit sich die Stadt erstreckt.
Jutta Ambrositsch lächelt zufrieden. "Es ist fantastisch, mit einer solchen Aussicht zu arbeiten." Die Jungwinzerin ist froh, dass sie nicht mehr jeden Tag in die Werbeagentur muss, sondern sich draußen in der Natur betätigen kann. Mit dem Jobwechsel ist Ambrositsch zu ihren Wurzeln zurückgekehrt: Ihre Eltern betreiben eine Forstwirtschaft im Burgenland. Obwohl sie das Leben in der Großstadt mag, braucht sie die Natur und die Bodennähe, die ein landwirtschaftlicher Beruf mit sich bringt.
Der Nussberg gilt in Winzerkreisen als die beste Lage Wiens. "Die Trauben werden hier spektakulär reif und bekommen ein beispielhaftes Aroma", sagt Ambrositsch. Auch Touristen kommen vermehrt hierher, um den Weinberg zu erwandern und die Aussicht zu genießen. Die Winzer unterstützen das: Einige schenken sogar direkt in ihren Gärten Wein aus. "Wir möchten die Menschen in die Weingärten locken, damit sie ein Verständnis für den Wiener Wein bekommen", sagt Ambrositsch.
Erfahrungen mit dem Weinanbau hat sie kaum, als sie den ersten ihrer mittlerweile sechs Gärten übernimmt. Gelangweilt von ihrem Werbejob, beschließt sie 2004 einen Weingarten im Südburgenland zu bewirtschaften. Als Hobby. Doch das Burgenland ist zu weit von Wien entfernt – Ambrositsch macht sich auf die Suche nach Weingärten in ihrer Wahlheimat. Dort nimmt man sie nicht ernst, bietet ihr "einen mickrigen Nordhang zum Auspflanzen" an. Ambrositsch fragt beim Obmann des Grinzinger Weinverbandes an. Drei Telefonate braucht es, bis er von der Euphorie der jungen Frau überzeugt ist. Er tritt ihr einen Teil seines eigenen Weingartens ab. Am nächsten Morgen um 8 Uhr beginnt Ambrositsch, ihren eigenen Wiener Wein zu machen.
Sie macht Praktika, informiert sich bei guten Winzern und eignet sich Fachwissen aus Büchern an. In kürzester Zeit erarbeitet sich die ehrgeizige Quereinsteigerin einen exzellenten Ruf. Nicht nur als Winzerin, sondern auch als eine, "die den alteingesessenen Weinbauern die Wadeln nach vorn gerichtet hat", wie man hier sagt. Sie kann sich durchsetzen. Ihre Weine sind in erster Linie in der Top-Gastronomie zu finden. Ein Großteil wird nach New York vertrieben. Denn dort werden zahlreiche Restaurants von österreichischen Köchen geführt, die gern mit Weinen aus ihrer Heimat arbeiten.
Jutta Ambrositsch gibt der Heurigen-Szene ein neues Gesicht
Wiener Weine sind zu neuer Beliebtheit gelangt. Vor allem der "Gemischte Satz" hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Renaissance durchlaufen. Lange galt er als minderwertiger Tropfen, der in den Heurigen als "Spritzer", also mit Mineralwasser gemischt, ausgeschenkt wurde. Auch Ambrositsch produziert neben Riesling und Grünem Veltliner einen Gemischten Satz. Er setzt sich aus rund 20 verschiedenen Weinsorten zusammen, darunter so uralte wie Rosenmuskateller oder Jubiläumsrebe. Die unterschiedlichen Trauben werden an einem Tag gelesen und gemeinsam gepresst.
Ambrositsch will ihre Weine möglichst unverfälscht in die Flasche bringen, darum arbeitet sie "ohne diesen ganzen Keller-Hightech", ohne Reinzuchthefen, ohne Technik. "Alles andere finde ich unsportlich. Weine werden im Weingarten gemacht – jedenfalls solche, die lange halten und Ausdruck haben sollen.“
Der Weingarten im Grinzinger Sommeregg, in dem die Sorten für ihren Gemischten Satz wachsen, wurde bereits 1955 ausgepflanzt. Ambrositsch bewirtschaftet ihn seit 2005. In einem so steilen Weingarten kann das Schwerstarbeit sein: "Den ganzen Tag bergauf, bergab gehen, das ist wahnsinnig anstrengend", sagt sie. "Das Mühsamste ist das Stockputzen, also die unteren Triebe rauszubrechen, die man nicht haben will. Dafür muss man ständig in die Knie gehen."
Trotz der Anstrengung ist ihr der Garten in Sommeregg besonders ans Herz gewachsen. Im Hochsommer fährt sie schon um vier Uhr morgens von ihrer Stadtwohnung hierher, weil sie die Mittagshitze in der Stadt nicht erträgt. "Wenn dann die Sonne aufgeht und Dachs und Fuchs noch unterwegs sind, das ist wildromantisch", sagt Ambrositsch. Wenn es ihr zu heiß wird, stellt sie einen Liegestuhl in den Schatten und ruht sich aus. In dem Garten in Sommeregg steht eine kleine Hütte, in der die Winzerin mit ihren Freunden jederzeit ein Picknick veranstalten kann. Die ehemalige Werberin hat zum Glück viele Freunde, die auch begeistert bei der Ernte helfen – im vergangenen Jahr waren mehr als 40 Menschen bei der Lese.
Als Gegenleistung lädt Ambrositsch ihre Helfer zur "Buschenschank in Residence" ein, einem saisonal betriebenen Heurigen, in dem sie jedes Jahr acht Wochen lang ihre eigenen Weine ausschenkt. "Wir bespielen alte Heurigen-Locations, um zu verhindern, dass die schönen Orte ganz verschwinden."
Offenbar mit Erfolg: Seit 2006 hat sich Ambrositsch für ihr Event den 400 Jahre alten Hof eines Kamaldulenserklosters in Sievering ausgesucht, in dem sich bis in die neunziger Jahre der legendäre Heurige Bacher befand. Vor ihr hatte dort jahrelang niemand mehr Wein ausgeschenkt. Seit sie die Tradition wiederbelebt hat, gibt es mehrere Winzer, die den Ort wieder für ihre Buschenschank nutzen.
Buschenschank in Grinzing
Sportliche Designerkleidung, weißes Laptop – man sieht ihr die Werberin noch an. Aber wenn sie zur Arbeit geht, trägt sie Gummistiefel und Gartenhandschuhe. Die Fahrt zu ihrem Hang am Nussberg führt durch beide Welten, in denen sie zu Hause ist: Von der Innenstadt aus geht es durch den 19. Bezirk, ein Nobelviertel Wiens, in dem sich Werbeagenturen und Kreative niedergelassen haben und die Gegend entsprechend prägen. Hinter dem Edelbezirk endet die Großstadt plötzlich und es geht nach oben, durch urige, schmale Gassen, vorbei an ehemaligen Heurigen, von denen heute nur noch wenige betrieben werden. Am idyllischen Pfarrplatz steht das Beethovenhaus, in dem der Komponist 1817 gelebt hat. Hier scheint die Zeit stillzustehen: Der Wein, der den Innenhof umrankt, das grobe Kopfsteinpflaster und die Geranien in den Fenstern wirken wie aus längst vergangenen Tagen.
Von nun an wird der Weg immer steiler, das Auto quält sich um die engen Kurven – und plötzlich findet man sich mitten in den Weingärten wieder. Wer hier aussteigt und durch das sattgrüne Gras durch die Reihen von Weinstöcken geht, erblickt am Fuß des Bergs: Wien. Die Donau, das Riesenrad, der Dom – was eben noch eine laute, lebendige Großstadt war, wirkt auf einmal ganz ruhig und friedlich, wie ein riesiges Dorf. Erst von hier oben wird sichtbar, wie weit sich die Stadt erstreckt.
Jutta Ambrositsch lächelt zufrieden. "Es ist fantastisch, mit einer solchen Aussicht zu arbeiten." Die Jungwinzerin ist froh, dass sie nicht mehr jeden Tag in die Werbeagentur muss, sondern sich draußen in der Natur betätigen kann. Mit dem Jobwechsel ist Ambrositsch zu ihren Wurzeln zurückgekehrt: Ihre Eltern betreiben eine Forstwirtschaft im Burgenland. Obwohl sie das Leben in der Großstadt mag, braucht sie die Natur und die Bodennähe, die ein landwirtschaftlicher Beruf mit sich bringt.
Der Nussberg gilt in Winzerkreisen als die beste Lage Wiens. "Die Trauben werden hier spektakulär reif und bekommen ein beispielhaftes Aroma", sagt Ambrositsch. Auch Touristen kommen vermehrt hierher, um den Weinberg zu erwandern und die Aussicht zu genießen. Die Winzer unterstützen das: Einige schenken sogar direkt in ihren Gärten Wein aus. "Wir möchten die Menschen in die Weingärten locken, damit sie ein Verständnis für den Wiener Wein bekommen", sagt Ambrositsch.
Erfahrungen mit dem Weinanbau hat sie kaum, als sie den ersten ihrer mittlerweile sechs Gärten übernimmt. Gelangweilt von ihrem Werbejob, beschließt sie 2004 einen Weingarten im Südburgenland zu bewirtschaften. Als Hobby. Doch das Burgenland ist zu weit von Wien entfernt – Ambrositsch macht sich auf die Suche nach Weingärten in ihrer Wahlheimat. Dort nimmt man sie nicht ernst, bietet ihr "einen mickrigen Nordhang zum Auspflanzen" an. Ambrositsch fragt beim Obmann des Grinzinger Weinverbandes an. Drei Telefonate braucht es, bis er von der Euphorie der jungen Frau überzeugt ist. Er tritt ihr einen Teil seines eigenen Weingartens ab. Am nächsten Morgen um 8 Uhr beginnt Ambrositsch, ihren eigenen Wiener Wein zu machen.
Sie macht Praktika, informiert sich bei guten Winzern und eignet sich Fachwissen aus Büchern an. In kürzester Zeit erarbeitet sich die ehrgeizige Quereinsteigerin einen exzellenten Ruf. Nicht nur als Winzerin, sondern auch als eine, "die den alteingesessenen Weinbauern die Wadeln nach vorn gerichtet hat", wie man hier sagt. Sie kann sich durchsetzen. Ihre Weine sind in erster Linie in der Top-Gastronomie zu finden. Ein Großteil wird nach New York vertrieben. Denn dort werden zahlreiche Restaurants von österreichischen Köchen geführt, die gern mit Weinen aus ihrer Heimat arbeiten.
Jutta Ambrositsch gibt der Heurigen-Szene ein neues Gesicht
Wiener Weine sind zu neuer Beliebtheit gelangt. Vor allem der "Gemischte Satz" hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Renaissance durchlaufen. Lange galt er als minderwertiger Tropfen, der in den Heurigen als "Spritzer", also mit Mineralwasser gemischt, ausgeschenkt wurde. Auch Ambrositsch produziert neben Riesling und Grünem Veltliner einen Gemischten Satz. Er setzt sich aus rund 20 verschiedenen Weinsorten zusammen, darunter so uralte wie Rosenmuskateller oder Jubiläumsrebe. Die unterschiedlichen Trauben werden an einem Tag gelesen und gemeinsam gepresst.
Ambrositsch will ihre Weine möglichst unverfälscht in die Flasche bringen, darum arbeitet sie "ohne diesen ganzen Keller-Hightech", ohne Reinzuchthefen, ohne Technik. "Alles andere finde ich unsportlich. Weine werden im Weingarten gemacht – jedenfalls solche, die lange halten und Ausdruck haben sollen.“
Der Weingarten im Grinzinger Sommeregg, in dem die Sorten für ihren Gemischten Satz wachsen, wurde bereits 1955 ausgepflanzt. Ambrositsch bewirtschaftet ihn seit 2005. In einem so steilen Weingarten kann das Schwerstarbeit sein: "Den ganzen Tag bergauf, bergab gehen, das ist wahnsinnig anstrengend", sagt sie. "Das Mühsamste ist das Stockputzen, also die unteren Triebe rauszubrechen, die man nicht haben will. Dafür muss man ständig in die Knie gehen."
Trotz der Anstrengung ist ihr der Garten in Sommeregg besonders ans Herz gewachsen. Im Hochsommer fährt sie schon um vier Uhr morgens von ihrer Stadtwohnung hierher, weil sie die Mittagshitze in der Stadt nicht erträgt. "Wenn dann die Sonne aufgeht und Dachs und Fuchs noch unterwegs sind, das ist wildromantisch", sagt Ambrositsch. Wenn es ihr zu heiß wird, stellt sie einen Liegestuhl in den Schatten und ruht sich aus. In dem Garten in Sommeregg steht eine kleine Hütte, in der die Winzerin mit ihren Freunden jederzeit ein Picknick veranstalten kann. Die ehemalige Werberin hat zum Glück viele Freunde, die auch begeistert bei der Ernte helfen – im vergangenen Jahr waren mehr als 40 Menschen bei der Lese.
Als Gegenleistung lädt Ambrositsch ihre Helfer zur "Buschenschank in Residence" ein, einem saisonal betriebenen Heurigen, in dem sie jedes Jahr acht Wochen lang ihre eigenen Weine ausschenkt. "Wir bespielen alte Heurigen-Locations, um zu verhindern, dass die schönen Orte ganz verschwinden."
Offenbar mit Erfolg: Seit 2006 hat sich Ambrositsch für ihr Event den 400 Jahre alten Hof eines Kamaldulenserklosters in Sievering ausgesucht, in dem sich bis in die neunziger Jahre der legendäre Heurige Bacher befand. Vor ihr hatte dort jahrelang niemand mehr Wein ausgeschenkt. Seit sie die Tradition wiederbelebt hat, gibt es mehrere Winzer, die den Ort wieder für ihre Buschenschank nutzen.