Ein Siegel für alle
15.04.2010 - Kategorien: Reise & Touristik
Zeit Online, 10. März 2010
Wer umweltverträglich reisen möchte, hat es nicht leicht: Die Vielzahl an Öko-Siegeln macht den Markt unübersichtlich. Das globale TSC-Siegel soll dies ändern.
Wer umweltverträglich reisen möchte, hat es nicht leicht: Die Vielzahl an Öko-Siegeln macht den Markt unübersichtlich. Das globale TSC-Siegel soll dies ändern.
Jeder fünfte Deutsche will künftig bei der Reisebuchung auf Umweltstandards achten. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung der Forschungsgemeinschaft "Urlaub und Reisen" im Auftrag des World Wide Fund for Nature (WWF). Der gute Wille ist also da – die praktische Umsetzung aber nicht einfach. Denn die Ökosiegel, die zur Kennzeichnung nachhaltiger Tourismus-Angebote dienen sollen, schießen wie Pilze aus dem Boden: Weltweit sind es inzwischen an die 400 Zertifikate. Allein in Europa zählt man mehr als 50 Gütesiegel für nahezu alle Arten touristischer Dienstleistungen: von der "EU-Blume", dem Umweltzeichen der Europäischen Union, über die "Blaue Flagge", einem Qualitätssiegel für Segelboothäfen und Badestrände, bis hin zum CSR-Zertifikat, das Reiseveranstalter in ihrer ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorgehensweise beurteilt. Die Schwemme an Prüfzeichen sorgt für Verwirrung bei den Verbrauchern: Welchem Siegel kann man vertrauen? Und was genau wird von den verschiedenen Zertifizierern eigentlich geprüft?
Wenn es nach dem WWF ginge, müssten sich demnächst die Umweltzeichen selbst einer Prüfung unterziehen. Die Naturschutz-Organisation unterstützt das Tourism Sustainability Council (TSC). Initiiert von der Rainforest Alliance, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, hat die Organisation eine Liste international gültiger Mindestkriterien für nachhaltigen Tourismus definiert. Anhand dieser Umwelt- und Sozialkriterien prüft der TSC touristische Ökolabels und vereint sie unter einem Dach. Voraussichtlich im Mai will der Verband ein TSC-Siegel präsentieren, an dem die Konsumenten erkennen können, dass der zertifizierte Reiseanbieter ökologische und soziale Mindeststandards erfüllt.
Bis dahin wirbt der TSC weltweit um Unterstützung: Für Ende März lädt er gemeinsam mit dem WWF die europäischen Prüforganisationen zu einem Workshop ein. In Lateinamerika und Südafrika wurden bereits ähnliche Workshops abgehalten, ein weiteres Treffen soll in Thailand erfolgen. Martina Kohl, Tourismusexpertin beim WWF: "Auf den Workshops wollen wir mit den Zertifizierern die Vor- und Nachteile von TSC diskutieren und sie für das Programm gewinnen. Wir wollen ihnen deutlich machen, dass sich durch eine Vereinfachung für den Konsumenten nachhaltiger Tourismus noch stärker am Markt etablieren kann." Dabei sei es nicht das Ziel, dass die regionalen Anbieter ihre eigenen Siegel aufgeben, sondern sich zusätzlich mit dem TSC-Zeichen auszeichnen lassen. Gerade im Hinblick auf Touristen aus dem Ausland, die die inländischen Siegel meist nicht kennen, könnte ein globales Zeichen die Marktsituation stärken.
Mehrere Anbieter haben bereits ihr Interesse bekundet, sagt Kohl, unter anderem "Green Globe", ein globales Programm für nachhaltigen Tourismus. Auch forum anders reisen (FAR), ein Verbund von mehr als 160 Veranstaltern, die nachhaltige Reisen anbieten, kooperiert mit dem TSC.
Die Meinung, dass eine Vereinheitlichung der Siegel erfolgen muss, teilen viele der Prüforganisationen. So sagt FAR-Geschäftsführer Johannes Reißland: "Wir befürworten weltweite Nachhaltigkeitskriterien." Doch gleich im Anschluss moniert er: "Wir denken, dass bei der Zertifizierung unserer Reiseveranstalter die strengeren Kriterien angelegt werden, weil sie sich an den hohen deutschen Standards orientieren." Bewertet werden beim FAR unter anderem der durchschnittliche CO2-Verbrauch pro Gast und Tag und die Nachhaltigkeit angebotener Unterkünfte. Der Verbund will sein Siegel nun auch für Anbieter öffnen, die nicht FAR-Mitglied sind: Auf der heute eröffneten Tourismusbörse ITB soll der Startschuss für die forumsexterne Zertifizierung fallen. Bislang haben sich allerdings nicht einmal die eigenen Mitglieder vollständig der Prüfung unterzogen: Von rund 150 Mitgliedern sind gerade mal 35 CSR-zertifiziert. "Unser Anliegen ist es, dass bis Ende 2010 alle Mitglieder des Forums den CSR-Prozess beginnen", sagt Reißland.
Bei Viabono, einer Dachmarke für umweltfreundliche Tourismusangebote, heißt es, das TSC-Siegel sei im Hause bekannt, allerdings würden die Kriterien als sehr interpretationsfähig angesehen. Den eigenen Kriterienkatalog hat Viabono gerade überarbeitet: Nicht mehr Maßnahmen, sondern Ergebnisse, etwa in Bezug auf den Wasser- und Energieverbrauch, sollen künftig im Vordergrund stehen.
Heinz Fuchs von der Arbeitsstelle Tourism Watch des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) ist für eine Vereinheitlichung der touristischen Umweltzeichen. Gleichzeitig ist er nicht sehr optimistisch, was die Umsetzung betrifft: "Es wird noch einige Zeit dauern, bis man sich auf ein Siegel einigen kann", sagt Fuchs. Die Zertifizierung der gesamten Wertschöpfungskette im Tourismus sei nicht einfach: "Die Unternehmen tun sich schwer, alle Faktoren auf einmal glaubwürdig zu erfüllen."
Martina Kohl vom WWF ist sich bewusst, dass es noch einigen Diskussionsbedarf gibt, bis ein gemeinsames Siegel zum Einsatz kommt. "Man muss sicherlich noch den einen oder anderen Kompromiss eingehen." Den Vorwurf, die Kriterien seien nicht streng genug, weist sie jedoch zurück. "Möglicherweise sind einige der TSC Kriterien in Deutschland schon selbstverständlich, weil die Gesetzgebung hier viel stärker ausgeprägt ist als beispielsweise in Entwicklungsländern. Doch die Kriterien sind so streng, dass sich die normalen Reiseveranstalter, die auf dem Massenmarkt tätig sind, nicht ohne weiteres TSC-zertifizieren lassen könnten."
Letztendlich hänge es von den Konsumenten ab, ob sich die Organisationen auf gemeinsame Standards einigen könnten, meint Fuchs. "Der Druck von Verbraucherseite ist noch nicht groß genug."
Das bestätigt auch eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die am Donnerstag auf der ITB präsentiert werden soll: Lediglich 15 Prozent der Konsumenten setzen sich laut der Umfrage derzeit mit nachhaltigem Tourismus und den vorhandenen Prüfsiegeln auseinander, sagt Roland Gassner, bei der GfK für das Thema Urlaubsreisen zuständig. "Bislang schauen Reisende vor allem auf den Preis", sagt auch Fuchs. Ohne dass es mindestens jeder Dritte kenne, könne sich ein Prüfzeichen nicht durchsetzen. Ein Zusammenschluss unter dem Namen TSC würde hier Abhilfe schaffen, denn das Siegel könnte mit einer gemeinsamen Marketingstrategie auch für größere Bekanntheit sorgen.
Wenn es nach dem WWF ginge, müssten sich demnächst die Umweltzeichen selbst einer Prüfung unterziehen. Die Naturschutz-Organisation unterstützt das Tourism Sustainability Council (TSC). Initiiert von der Rainforest Alliance, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, hat die Organisation eine Liste international gültiger Mindestkriterien für nachhaltigen Tourismus definiert. Anhand dieser Umwelt- und Sozialkriterien prüft der TSC touristische Ökolabels und vereint sie unter einem Dach. Voraussichtlich im Mai will der Verband ein TSC-Siegel präsentieren, an dem die Konsumenten erkennen können, dass der zertifizierte Reiseanbieter ökologische und soziale Mindeststandards erfüllt.
Bis dahin wirbt der TSC weltweit um Unterstützung: Für Ende März lädt er gemeinsam mit dem WWF die europäischen Prüforganisationen zu einem Workshop ein. In Lateinamerika und Südafrika wurden bereits ähnliche Workshops abgehalten, ein weiteres Treffen soll in Thailand erfolgen. Martina Kohl, Tourismusexpertin beim WWF: "Auf den Workshops wollen wir mit den Zertifizierern die Vor- und Nachteile von TSC diskutieren und sie für das Programm gewinnen. Wir wollen ihnen deutlich machen, dass sich durch eine Vereinfachung für den Konsumenten nachhaltiger Tourismus noch stärker am Markt etablieren kann." Dabei sei es nicht das Ziel, dass die regionalen Anbieter ihre eigenen Siegel aufgeben, sondern sich zusätzlich mit dem TSC-Zeichen auszeichnen lassen. Gerade im Hinblick auf Touristen aus dem Ausland, die die inländischen Siegel meist nicht kennen, könnte ein globales Zeichen die Marktsituation stärken.
Mehrere Anbieter haben bereits ihr Interesse bekundet, sagt Kohl, unter anderem "Green Globe", ein globales Programm für nachhaltigen Tourismus. Auch forum anders reisen (FAR), ein Verbund von mehr als 160 Veranstaltern, die nachhaltige Reisen anbieten, kooperiert mit dem TSC.
Die Meinung, dass eine Vereinheitlichung der Siegel erfolgen muss, teilen viele der Prüforganisationen. So sagt FAR-Geschäftsführer Johannes Reißland: "Wir befürworten weltweite Nachhaltigkeitskriterien." Doch gleich im Anschluss moniert er: "Wir denken, dass bei der Zertifizierung unserer Reiseveranstalter die strengeren Kriterien angelegt werden, weil sie sich an den hohen deutschen Standards orientieren." Bewertet werden beim FAR unter anderem der durchschnittliche CO2-Verbrauch pro Gast und Tag und die Nachhaltigkeit angebotener Unterkünfte. Der Verbund will sein Siegel nun auch für Anbieter öffnen, die nicht FAR-Mitglied sind: Auf der heute eröffneten Tourismusbörse ITB soll der Startschuss für die forumsexterne Zertifizierung fallen. Bislang haben sich allerdings nicht einmal die eigenen Mitglieder vollständig der Prüfung unterzogen: Von rund 150 Mitgliedern sind gerade mal 35 CSR-zertifiziert. "Unser Anliegen ist es, dass bis Ende 2010 alle Mitglieder des Forums den CSR-Prozess beginnen", sagt Reißland.
Bei Viabono, einer Dachmarke für umweltfreundliche Tourismusangebote, heißt es, das TSC-Siegel sei im Hause bekannt, allerdings würden die Kriterien als sehr interpretationsfähig angesehen. Den eigenen Kriterienkatalog hat Viabono gerade überarbeitet: Nicht mehr Maßnahmen, sondern Ergebnisse, etwa in Bezug auf den Wasser- und Energieverbrauch, sollen künftig im Vordergrund stehen.
Heinz Fuchs von der Arbeitsstelle Tourism Watch des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) ist für eine Vereinheitlichung der touristischen Umweltzeichen. Gleichzeitig ist er nicht sehr optimistisch, was die Umsetzung betrifft: "Es wird noch einige Zeit dauern, bis man sich auf ein Siegel einigen kann", sagt Fuchs. Die Zertifizierung der gesamten Wertschöpfungskette im Tourismus sei nicht einfach: "Die Unternehmen tun sich schwer, alle Faktoren auf einmal glaubwürdig zu erfüllen."
Martina Kohl vom WWF ist sich bewusst, dass es noch einigen Diskussionsbedarf gibt, bis ein gemeinsames Siegel zum Einsatz kommt. "Man muss sicherlich noch den einen oder anderen Kompromiss eingehen." Den Vorwurf, die Kriterien seien nicht streng genug, weist sie jedoch zurück. "Möglicherweise sind einige der TSC Kriterien in Deutschland schon selbstverständlich, weil die Gesetzgebung hier viel stärker ausgeprägt ist als beispielsweise in Entwicklungsländern. Doch die Kriterien sind so streng, dass sich die normalen Reiseveranstalter, die auf dem Massenmarkt tätig sind, nicht ohne weiteres TSC-zertifizieren lassen könnten."
Letztendlich hänge es von den Konsumenten ab, ob sich die Organisationen auf gemeinsame Standards einigen könnten, meint Fuchs. "Der Druck von Verbraucherseite ist noch nicht groß genug."
Das bestätigt auch eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die am Donnerstag auf der ITB präsentiert werden soll: Lediglich 15 Prozent der Konsumenten setzen sich laut der Umfrage derzeit mit nachhaltigem Tourismus und den vorhandenen Prüfsiegeln auseinander, sagt Roland Gassner, bei der GfK für das Thema Urlaubsreisen zuständig. "Bislang schauen Reisende vor allem auf den Preis", sagt auch Fuchs. Ohne dass es mindestens jeder Dritte kenne, könne sich ein Prüfzeichen nicht durchsetzen. Ein Zusammenschluss unter dem Namen TSC würde hier Abhilfe schaffen, denn das Siegel könnte mit einer gemeinsamen Marketingstrategie auch für größere Bekanntheit sorgen.