Online die Schulbank drücken bei Sibylle Berg

Zeit Online, 22. März 2010

Ort für Schreibkurse, Recherchen, Publikationsmöglichkeit, aber auch verführerische Ablenkung: Wie das Internet das Leben von Autoren verändert hat.
Sibylle Berg hat bereits zehn Bücher veröffentlicht (zuletzt: "Der Mann schläft") und zahlreiche Theaterstücke verfasst. Seit etwa einem Jahr gibt sie außerdem Seminare für Menschen, die ein Buch schreiben möchten. Gemeinsam mit der Autorin Milena Moser und der Literaturagentin Anne Wieser hat Berg eine Art virtuelle Schreibschule eröffnet, 300 Schüler haben dieses Angebot bereits angenommen. Das Besondere an den Kursen: Während Milena Moser sich ihre Schüler ins schweizerische Aarau einlädt und dort unterrichtet, gibt Sibylle Berg ausschließlich Online-Seminare. "Ein Onlinekurs arbeitet genau an dem Ort, den man mit einem Schreibkurs erreichen will: am Geschriebenen", sagt die Autorin. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man zwar wunderbar über das Schreiben reden kann, der Schüler kann sogar nicken und verstehen, – doch dann sitzt er am Computer und schreibt: Murks. Schreiben lernt man durch Schreiben." Die Kurse würden gut angenommen, sagt die 47jährige. "Die Kurse sind voll, die meisten Schüler glücklich."

Der Unterricht läuft größtenteils per E-Mail ab. Anfängern hilft Berg eine Woche lang bei der Themensuche, gibt Input und sucht nach dem richtigen Textinhalt für den jeweiligen Autor – alles per Mail. Wer sein Thema gefunden hat, kann anschließend mit der Wahl-Züricherin am vorhandenen Text arbeiten: Der Schüler stellt Fragen und schickt Textpassagen, bei denen er nicht weiter kommt. In einer Woche täglichen Austauschs per Mail soll der Autor herausfinden, wie es mit dem Manuskript weitergeht. Dann erst erfolgt der Feinschliff: Wer an seinem Stil arbeiten und sich externer Kritik aussetzen will, kann seinen Text ein Mal pro Woche an Berg schicken – insgesamt zwei Monate lang. Am Ende jedes Schreibmonats findet eine längere Besprechung mit der Seminarleiterin statt, natürlich ebenfalls per E-Mail.

Die Rundum-Betreuung der angehenden Schreiber lässt sich die Schriftstellerin gut bezahlen: Für ihre Onlinekurse berechnet sie zwischen 1000 und 1500 Schweizer Franken, das sind etwa 690 bis 1030 Euro. Ein wilkommenes Zubrot, fällt es doch selbst gestandenen Autoren wie Sibylle Berg zunehmend schwer, vom Schreiben leben zu können. Denn durch die Digitalisierung und die Flut an Neuerscheinungen sinken auch die Margen für Verlag und Autoren. "Es wird immer schwieriger vom Schreiben zu leben und sich zu entwickeln, weil es kaum mehr Verlage gibt, die einen Autoren langfristig aufbauen", sagt Berg.

Finn-Ole Heinrich sieht die Entwicklung eher optimistisch: Der 27-Jährige ist mit dem Internet aufgewachsen. "Das wird in Zukunft noch sehr spannend mit der Digitalisierung des Buches", sagt Heinrich, der seine Romane und Erzählungen (Gestern war auch schon ein Tag, Räuberhände) im Mairisch Verlag veröffentlicht. Für die Hamburger ist das Netz mehr Chance als Gefahr: "Wir machen viel Werbung im Internet, binden unsere Leser durch Newsletter, exklusive Online-Angebote, einen Verlags-Blog etc.", sagt Heinrich. Auch ein eigenes Blog hat der Autor geschrieben: Auf heimathuckepack.de ging er der Frage nach, wo man eigentlich zu Hause ist und stellte Menschen vor, denen er unterwegs begegnete.

Der Autor ist in Cuxhaven aufgewachsen, hat in Hannover Film studiert und war Stadtschreiber in Erfurt. Inzwischen lebt er in Hamburg. Er ist viel unterwegs: Workshops, Lesungen, Arbeitsstipendien halten ihn auf Trab. Ein dreimonatiges Onlinestipendium des Literaturhauses Bremen brachte ihn schließlich auf die Idee zu dem Blog, das auch die Leser zum Mitmachen einlud. Das Internet sei für ihn ein Weg, Kontakte zu interessanten Gesprächspartnern oder Projekten zu knüpfen, sagt der Jungautor. "Für mich persönlich ist auch der Kontakt zum Leser wichtig. Ich erhalte recht viele Mails, mal mit Fragen, mal mit Feedback, mal mit Einladungen zu Lesungen. Manchmal entstehen da richtig spannende Diskurse."

Auch als Recherchetool nutzt Heinrich das Netz, "aber eigentlich nur für die allerersten Momente. Sobald ich merke, dass ich mich jetzt wirklich auf ein Thema einlassen will, muss ich mich freischwimmen, selbst auf die Suche gehen." Von der Textfülle im Internet schotte er sich dann lieber ab. "Ich sortiere sehr genau, wann und wie viel ich konsumiere. Ich glaube, dass das eine sehr wesentliche Kompetenz ist: sich zu schützen, auszuwählen, sich abzugrenzen." Das Netz mache es Schriftstellern nicht leicht, sich nicht ablenken zu lassen. "Schreiben besteht ja vor allem aus der Disziplin, sich hinzusetzen, sich zu konzentrieren, nachzudenken, Probleme zu lösen und eben: sitzen zu bleiben, auch wenn es gerade nicht so läuft." Oftmals sei das Internet dann sehr verlockend, mal eben eine Mail zu schreiben oder einen Artikel zu lesen.

"Insgesamt hat das Internet dazu beigetragen, eben zu 'surfen', also: sich thematisch auf der Oberfläche zu bewegen", bedauert Heinrich. "Ich hab manchmal das Gefühl, dass ich früher einfacher und schneller tief in ein Thema hinabsteigen konnte, weil meine Konzentrationsfähigkeit eine andere war. Das Internet mit seinen tausend Links und Querverweisen lädt ja schon sehr dazu ein, von einem Punkt zum anderen zu springen und Texte eher zu scannen, als sie wirklich zu lesen."

Mit dieser neuen Art des Lesens hat sich auch die Schriftstellerin Elke Naters (Königinnen) beschäftigt. Sie gründete 1999 mit ihrem Mann Sven Lager, ebenfalls Schriftsteller, eine der ersten deutschen Literatur-Websites. Ampool.de war ein Projekt "zwischen Chat, kollektivem Tagebuch und Literatur", sagt die 47-jährige Münchnerin, die nach einigen Jahren in Bangkok nun mit ihrer Familie in Südafrika lebt. "Literatur im Internet zu lesen ist langwierig und langweilig und wird dem schnellen Informationsmedium nicht gerecht. Wir wollten eine Form entwickeln, die passender ist und ich finde das ist uns gelungen." Unter den Autoren, die Texte beisteuerten, waren so prominente Namen wie Christian Kracht, Moritz von Uslar und Helmut Krausser. Aus den Beiträgen auf der Website entstand 2001 ein Buch und die Autoren gingen auf Lesetour.

Inzwischen ist der "Pool" verwaist, aber Naters und Lager haben neue Pläne für das Projekt: "Wir haben mit dem Gedanken gespielt, es nach all den Jahren noch mal für eine Zeit aufleben zu lassen", sagt Naters. Derzeit schreibt sie ein eher privates Blog.

Sie selbst liest kaum noch Literatur im Netz. Lesen sei für sie immer mehr informativ geworden. "Vielleicht ein Einfluss des Internets?" Die Demokratisierung, die das Internet mit sich bringt, findet sie "wunderbar und erfrischend. Die Möglichkeit für jeden, zu veröffentlichen, zu sehen, dass Gutes sich durchsetzt." Heutzutage sei es für Schriftsteller einfacher, veröffentlicht zu werden – allerdings auch schwieriger, in der Menge der Neuerscheinungen wahrgenommen zu werden. "Viel Gutes bleibt unbemerkt. Der Großteil der Leser verdichtet sich auf ein paar Bestseller, weil kaum einer sich die Mühe macht und es auch gar nicht kann, durch die Menge von Büchern durchzublicken."

Sollte es in Zukunft irgendwann nur noch E-Books geben, wäre das Elke Naters mehr als recht. "Ich habe keinen sentimentalen Bezug zum Buch. Es ist mir völlig egal, in welcher Form meine Texte gelesen werden. Je größer die Verbreitung, desto besser." Und noch einen großen Vorteil haben die digitalen Bücher aus Sicht der Weltenbummlerin: "Weniger Staubfänger. Man kann jederzeit ohne großen Aufwand, ohne Bücherkistenschlepperei umziehen. Je leichter der Besitz, desto größer die Freiheit."