Ein Wochenende Fliegenfischen

Brigitte, 29. Juli 2009

Die Angel auswerfen - und zupfen und warten und noch mal werfen... bis einer beißt! Fast wie Meditation. BRIGITTE-Mitarbeiterin Ulrike Schäfer hat es ausprobiert.
Wie kann jemand nur so stur sein? Mit beiden Händen kralle ich mich an der Angelrute fest. Gleichzeitig versuche ich, sie möglichst senkrecht zu halten, um die Forelle, die sich an meinem Fliegenköder festgebissen hat, näher ans Ufer zu ziehen. Zwecklos: Der Fisch will in die andere Richtung, zieht immer stärker an der Schnur. Bevor mein Handgelenk erlahmt, lässt das schillernde Tier die Fliege los und geht stiften. Ich suche Trost bei meiner Lehrerin, die mich an diesem Wochenende in die Kunst des Fliegenfischens einweihen soll. Raffaela Hönel, 37, hat schon als Kind gefischt. Damals nahm ihr Großvater sie zum Angeln mit. Später heiratete sie einen Mann mit eigenem Fischereibetrieb. Jetzt produziert sie eine Modekollektion für Fliegenfischerinnen und gibt Einführungskurse für Frauen in Tirol.
„Du musst dem Fisch mehr Spiel geben“, erklärt sie mir, „erst wenn er sich müde geschwommen hat, kann man ihn langsam reinziehen“. Hönels Wahlheimat Kössen ist ein Paradies für Fliegenfischer: Das 4000-Seelen-Nest im Kaiserwinkl ist umgeben von Seen und Fließgewässern, in denen sich leckere Speisefische wie Forellen und Saiblinge tummeln.
Doch bevor ich dort auf die Jagd gehen darf, muss ich mich morgens zunächst im „Casting“ bewähren. Das hat nichts mit Heidi Klum zu tun, sondern steht in der Anglersprache für das Auswerfen der Leine. Anders als der gemeine Angler hängt ein Fliegenfischer seine Rute nicht einfach ins Wasser und döst vor sich hin, bis ein Fisch anbeißt und dann verspeist wird. Nein, die Angel wird im Minuten-Takt immer und immer wieder auf kunstvolle Weise ausgeworfen. Die virtuose Fliegenfischerin spürt den Fisch mehr, als sie ihn sieht, und platziert mit einem brillanten Wurf den Köder genau vor seiner Nase auf der Wasseroberfläche. Soweit die Theorie. Dafür muss eine „Fliege“, die ungefähr so viel wiegt wie eine Daunenfeder, etwa 15 Meter weit geworfen werfen. Und das ohne Rückenwind. Als Lockvogel dienen kunstvoll gefertigte Insekten- Attrappen – je nach Gewässer wahlweise Fliegenlarven, Würmer, Libellen oder Gelbfliegen, täuschend echt gebastelt aus Draht, Rehhaar oder Federn. Hauptsache, die Forelle hält ihn für eine Delikatesse. Und diesen Köder soll ich nun so weit wie möglich weg von mir ins Wasser befördern. Dazu muss ich die Schnur elliptisch durch die Luft wirbeln – ein Ding der Unmöglichkeit, könnte man denken.
Raffaela drückt mir die Angel in die Hand, stellt sich hinter mich, knickt meinen Unterarm hoch und zieht ihn nach hinten. Dann wieder nach vorn, immer hin und her, in der Uhrzeigersprache „von zehn auf eins“. Die Schnur bekommt tatsächlich Schwung, mit der linken Hand gebe ich ihr mehr Spiel, damit der Köder immer weiter fliegen kann – allerdings ist die Leine so auch schwieriger zu koordinieren. Nach einer Weile versuche ich es allein. Zu meiner Überraschung mache ich mich ganz gut. Die Schnur zeichnet elegante Bögen in den Himmel und macht dabei ein leise surrendes Geräusch. Ich bin glücklich. Wann steht man schon mal bis zu den Oberschenkeln im Wasser und genießt eiskalt ein Erfolgserlebnis nach dem anderen? Raffaela murmelt etwa wie „Naturtalent“, schmälert dann aber meine Euphorie mit der Ansage, Frauen seien generell gute Fliegenfischer. „Viele Männer versuchen, die Fliegenrute mit Kraft zu werfen. Es braucht aber keine Kraft, sondern Technik, und die haben Frauen schneller drauf.“
Wir halten Ausschau nach kleinen Begierde- Objekten. „Wunderbar, wie die Forellen heute steigen“, schwärmt Raffaela und wirft gleich ihre Angel aus. Mit Hilfe meiner Polarisationsbrille versuche ich, unter der Wasseroberfläche Fische zu erkennen. Die Brille hebt die Lichtreflexe auf und erleichtert so den Einblick in die Unterwasserwelt. Trotzdem kann ich nicht einen einzigen Fisch entdecken. „Da, eine Bachforelle“ – die Kursleiterin zeigt auf einen Ast, der sich plötzlich bewegt. Kein Wunder, dass ich die Tiere nicht erspähe, wenn sie sich in Treibholz oder Kieselsteine verwandeln können. „Man braucht einen geübten Blick“, gibt Raffaela zu. Während ich mich abmühe und alle zwei Minuten meine Angel neu auswerfe, zieht sie bereits den dritten Fisch aus dem See – um ihn anschließend wieder frei zu lassen. „Catch and release“ heißt die Devise. Denn beim Fliegenfischen verschluckt der Fisch den Köder nicht, sondern behält ihn vorne im Maul. So kann die Anglerin ihn einfach vom Haken befreien und wieder seinem Element übergeben. Vielleicht ist Fliegenfischen auch deshalb so beliebt bei Frauen.
Ich darf Raffaela assistieren. Zum ersten Mal in meinem Leben berühre ich einen lebendigen Fisch: Zuerst die Hände befeuchten, damit die Schuppen nicht verletzt werden. Dann das Tier von unten am Bauch hochnehmen – nur so hält der Fisch ganz still und man kann ihn problemlos aus seiner misslichen Lage befreien. Irgendwie rührt es mich, wie die kleine Forelle reglos in meiner Hand liegt und auf Hilfe hofft. Ganz weich und warm fühlt sie sich an – ich bin froh, dass wir sie nicht auf den Grill legen. Hier im Pillerseetal, am Fuße der Loferer Steinberge, wäre das ohnehin verboten: Bachforellen müssen zurück geworfen werden, um den Bestand zu sichern. Selbst am Nachmittag habe ich kein Glück bei den Fischen, obwohl die Tageszeit günstig ist: Die Tiere sind auf Futtersuche. Zwar schnuppern sie ausgiebig an meinem Köder, demonstrieren dann aber ihr Desinteresse, indem sie ihres Weges schwimmen. Immerhin ohne dass sie mir die Zunge rausstrecken. Raffaela fischt derweil munter vor sich hin, hat inzwischen drei weitere Fänge gemacht. Langsam werde ich ungeduldig: Was hat sie, was ich nicht habe?
„Es ist das Zupfen“, verrät mir die Fischerin. Die „Nymphen“, die mit einem kleinen Metallkopf beschwert werden, damit sie im Wasser untergehen, werden ruckartig bewegt. Die Trockenfliegen dagegen, die an der Oberfläche schwimmen, sollen langsam mit der Strömung dahin treiben. Für diesen Sport braucht es eine Menge Erfahrung: Werfe ich die Angel direkt vor den Fisch oder daneben? Zupfe ich schnell oder langsam? Und wieso verfängt sich meine Schnur ständig im Ufergras? Derweil klaut ein Fisch Raffaela die Fliege und sie fädelt seelenruhig die nächste auf. Fliegenfischen übt, wenn es darum geht, nicht bei jeder Gelegenheit gleich aus der Haut zu fahren.
„Fliegenfischen hat etwas Meditatives“, sagt Raffaela, während sie mit ruhiger Hand die Fliege festzurrt. „Wenn ich am Fluss stehe und meine Angel auswerfe, fällt alles andere von mir ab. In dem Moment kommt es nur auf mich an, ob ich nun einen Fisch fange oder nicht.“ Ein wohltuender Kontrast zum fremdbestimmten Alltagsleben, den die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern gut gebrauchen kann. Und auch ich spüre bereits die erholsame Wirkung: Den ganzen Tag am Wasser, umgeben von diesem atemberaubenden Bergpanorama, den rauschenden Bäumen, der klaren Gebirgsluft – ich fühle mich richtig gut. Zwar scheint mein rechter Arm nur noch aus Toastbrot zu bestehen, die Schulter fühlt sich verkrampft an. Doch das Gedankenkarussell, das sich sonst in meinem Kopf dreht, ist zum Stillstand gekommen.
An diesem Tag war ich ausschließlich damit beschäftigt, die störrischen Tarnungsweltmeister im Wasser zu überlisten und die Angel punktgenau zu ihnen hinzuwerfen. Jetzt noch eine kleine Fischprämie, und mein Glück wäre perfekt. Und da ist sie. Mein Herz macht einen Sprung. „Fang mich doch“, scheint die Forelle zu rufen. Dann beißt sie an und ich rufe laut nach Raffaela. Ein Zug an der Angel und der Fisch zappelt kurz über dem Wasser. Doch da ist es auch schon zu spät: Das Tier erkennt die Anfängerin, lässt den Köder los und schwimmt davon. Fehlt nur noch, dass sie zum Abschied winkt. Für dieses Mal gebe ich mich geschlagen. Aber wartet nur, ihr Fische - ich komme wieder.