Mit dem Sparbus unterwegs

Sparkassen-Magazin, Mai 2009

In den abgelegenen Ortschaften Ostfrieslands sorgt ein Sparkassenbus dafür, dass die Einwohner für ihre Geldgeschäfte nicht kilometerweit fahren müssen. Vor allem ältere Kunden schätzen die mobile Geschäftsstelle . SPARKASSE ist einmal mitgefahren.

Um halb acht Uhr in der Früh holt Bernd Blessin den rot-weißen Sparkassenbus aus der alten Windmühle in Logabirum, einem Ortsteil der ostfriesischen Stadt Leer. Der 55jährige ist stolz auf den idyllischen Stellplatz für sein Gefährt: Mit einer kleinen Digitalkamera hat er Fotos gemacht, die er Besuchern gerne zeigt: Bilder von der mehr als hundert Jahre alten Mühle und dem Storchenpaar, das im Sommer dort nistet.

Mit dem 6,8 Tonnen schweren Bus macht sich Blessin dann auf den Weg ins Stadtzentrum von Leer. Dort hält er für eine kurze Stippvisite an der Zentralstelle der hiesigen Sparkasse, druckt Kontoauszüge aus, nimmt Buchungen vor und holt Bargeld. Gegen acht Uhr schwingt er sich wieder in den Führerstand des Busses und startet seine Tour durch die platte Landschaft Ostfrieslands, vorbei an endlosen Wiesen, schmalen Kanälen und winzig kleinen Dörfern. Konzentriert sieht er auf die Straße: „Wenn man zu sehr nach rechts abdriftet, zieht einen das Gewicht des Busses schnell in den Graben“, befürchtet er. Sieben Meter lang ist das Mercedes-Modell, das er über die Landstraßen steuert: Hinter der Fahrerkabine ist der kleine Arbeitsplatz des Sparkassenberaters. Der Schalterraum für die Kunden ist durch eine Tür vom Warteraum getrennt, um die Diskretion zu wahren. Wer noch nicht bedient wird, kann auf gepolsterten Sitzbänken Platz nehmen und der eingespielten Musik lauschen. Für die Kinder stehen Bonbons bereit.

Jeden Tag nimmt der Bankberater eine andere Route. Heute ist Dienstag, da geht es über Burlage, Klostermoor und Hatzum bis nach Leerort. Insgesamt 120 Kilometer wird Blessin zurücklegen, in einer Woche kommt er auf eine Strecke von fast 400 Kilometern. In Burlage wartet schon die erste Kundin an der vorgesehenen Haltestelle für den Bus. Sie ist seit 17 Jahren Kundin der mobilen Geschäftsstelle. Früher sei sie zur Konkurrenzbank am Ort gegangen, erzählt sie, „aber da lief alles schief, der Mitarbeiter war immer betrunken.“ So fährt sie lieber ein paar Meter weiter bis zum Sparkassenbus. Nach ihr betritt ein älterer Herr den Schalterraum. Er kommt sei 40 Jahren her, „vom ersten Tag an“ - und er legt großen Wert auf den mobilen Service der Sparkasse: Seine Frau ist krank und er selbst mag auch nicht mehr weit fahren. Internetbanking komme für ihn nicht in Frage, „das ist was für die Jungen.“ Nicht als einziger Kunde an diesem Morgen fragt er besorgt, ob der Sparkassenbus in Zeiten der Finanzkrise gefährdet sei. „Die meist gestellte Frage zur Zeit“, sagt Blessin. Er versucht die Leute zu beruhigen: Es sei nicht geplant, den Busbetrieb einzustellen.

Doch in Sicherheit wiegen kann sich der mobile Sparkassenchef nicht: Kritisch könnte es werden, wenn eines Tages teure Reparaturen anfallen – schließlich ist der Bus mit seinen zehn Jahren nicht mehr der Jüngste. Ob die Sparkasse dann wirklich Geld in ein neues Modell investieren wird, bleibt abzuwarten. Laut Reinhard de Witt, Marktbereichsleiter der Sparkasse Leer Wittmund, geht die Tendenz eher dahin, den Service beizubehalten. Gewinn werfe der Bus, der als eigene Geschäftsstelle geführt wird, zwar nicht ab, doch man könne als Sparkasse nicht immer behaupten, für die Region da zu sein und dann keine Taten folgen lassen. Der Bus ersetzt auch die Filialen, die in den vergangenen Jahren aus Kostengründen geschlossen wurden, unter anderem in Nortmoor und Ihringsfehn. „Diese Standorte haben sich einfach nicht mehr gelohnt“, sagt de Witt. Durchaus denkbar, dass weitere Schließungen folgen, auch wenn derzeit nichts Konkretes geplant ist.

Umso wichtiger wird der Bus, der seit 1967 in der Region im Einsatz ist. Die Orte, die teilweise nur aus wenigen Häusern bestehen, waren damals schon zu klein für eine eigene Geschäftsstelle. Mit den demographischen Veränderungen ist die Situation noch schwieriger geworden – nicht nur in Ostfriesland. Auch in anderen Regionen Deutschlands sind Sparkassenbusse unterwegs, etwa im Kreis Euskirchen in Nordrhein-Westfalen oder im brandenburgischen Havelland. Neuerdings setzen auch andere Banken auf mobile Filialen, etwa die Commerzbank oder die Berliner Volksbank mit ihrem „ZasterLaster“.

Für die 200 Kunden von Bernd Blessin ist der Service zu einem wichtigen Bestandteil ihres Alltags geworden. „Die Leute holen sich bei mir Bargeld und ihre Kontoauszüge oder geben Überweisungen ab. Das eine oder andere Mal habe ich eine Versicherung verkauft oder ein Sparbuch eröffnet, aber das sind Ausnahmen“, erzählt Blessin. Seit drei Jahren ist er mit seiner rollenden Geschäftsstelle unterwegs, zuvor war er in der Poststelle der Sparkasse tätig. Die Vorstellung, dass er irgendwann wieder an einem Schreibtisch in der Bank arbeiten soll, macht ihm ein bisschen Angst: „Das wäre eine ganz schöne Umstellung, sich wieder in die moderne Technik einarbeiten zu müssen.“ Sein Sparkassenbus hat noch nie einen PC gesehen - stattdessen arbeitet Blessin mit elektrischer Schreibmaschine, Buchungsgerät und Karteikasten, in den die Überweisungen der Kunden einsortiert werden. „Technik zu Fuß“ sagt der Bankberater dazu. Das modernste an Bord sei sein Handy. Immerhin wurde inzwischen eine Klimaanlage installiert. Lange hat er dafür gekämpft, im Sommer nicht mehr bei 40 Grad Raumtemperatur arbeiten zu müssen. „Das konnten wir vor allem den älteren Kunden nicht zumuten“, sagt Blessin. Auch im Winter läuft er nun nicht mehr Gefahr, dass die Heizung ausfällt und er den ganzen Tag mit Daunenjacke im Bus sitzen muss, wie es früher schon mal vorgekommen ist.

Blessin pflegt einen familiären Umgang mit seinen Kunden: „Ich kenne fast jeden hier beim Namen.“ Neben den acht offiziellen Haltepunkten auf seiner Route fährt er heute noch zwei andere Ziele an: Kurz vor Burlage hält der Sparkassenbus an einem hübschen alten Hof. Die Besitzer haben eine Mistforke gut sichtbar in ihrem Vorgarten platziert und eine Papiertüte darüber gezogen – das Zeichen für den Busfahrer, dass es Bedarf für einen Hausbesuch gibt. „Diese Vereinbarung hat einer meiner Vorgänger mit den Kunden getroffen und ich behalte die Regelung bei“, erzählt Blessin. Später fährt er noch bei einer alten Dame vorbei, die zu alt und zu krank ist, um zur Haltestelle zu gehen. Sie lässt die Haustür angelehnt, damit Blessin einfach eintreten kann: Die Frau ist dankbar, dass der Sparkassenmann so flexibel ist und ihr das Geld bis ins Wohnzimmer bringt. Die Überweisungen hat er schon für sie ausgefüllt, damit sie nur noch unterschreiben muss. Zum Dank gibt es schon mal frische Äpfel aus dem Garten oder ein paar hart gekochte Eier.

„Der Bus hat seine eigenen Spielregeln“, weiß Marktbereichsleiter de Witt. In der mobilen Sparkasse sei kein typischer Banker in Nadelstreifen gefragt, sondern ein ganz normaler Mensch, der mit der ostfriesischen Mentalität gut klar komme. Schon allein die Sprache ist eine Herausforderung: Die größtenteils älteren Kunden sprechen Plattdeutsch – Blessin, der nicht aus Ostfriesland stammt, hat sich daran gewöhnt und versteht inzwischen jedes Wort. Er ist ein kommunikativer Mensch, und das ist wichtig in diesem Job, denn neben ihren Bankgeschäften wollen die Kunden auch die persönliche Ansprache nicht missen. Da wird über die Finanzkrise gewettert oder über die böse Nachbarin, die sich wegen des Hundes beschwert. Blessin kennt seine Kunden gut, er weiß Bescheid über ihre Krankheiten, ihre Urlaubsreisen und in welcher Stadt die Kinder studieren. Der Bankberater hat auch einige Telefonnummern, bei denen er anrufen kann, wenn er später kommt – oder falls er mal krank wird, aber das ist in den drei Jahren noch nie vorgekommen.

Die enge Kundenbindung hat nicht nur emotionale, sondern auch ganz handfeste Vorteile: So bleiben zum Beispiel ungewöhnliche Kontobewegungen nicht verborgen. Vor kurzem hatte eine Lottogesellschaft einen Geldbetrag vom Konto einer alten Dame abgebucht. Blessin sprach sie darauf an – die Kundin hatte von der Gesellschaft noch nie gehört und konnte den Betrag zurück buchen. „Ich habe da schon ein Auge drauf“, sagt der Bankberater stolz. Er staunt, wie viel Geld vor allem die Frauen von ihrer kleinen Rente spenden, für den Bibelkreis oder das Kinderhilfswerk. Und jeden Monat wandert etwas auf die Sparbücher der Kinder.

Mittags holt Blessin seine Kühltasche unter dem Counter aus Eichenfurnier hervor: Es gibt süßen Früchtetee aus der Thermoskanne und Schnittchen aus der Brotdose. Zur Unterhaltung dreht er das Radio auf und rätselt bei den Wissensfragen mit.
Sein Bankschalter ist mit Panzerglas von dem kleinen Beratungsraum getrennt. Neben der Scheibe hängt ein Zettel: „Verhalten bei Raubüberfällen“. In all den Jahren hat es noch keinen Überfall auf den Sparkassenbus gegeben, doch Blessin ist für den Ernstfall gerüstet: Das Pfefferspray liegt griffbereit und natürlich hat der Bus auch einen Alarmknopf. „Man weiß nie in diesen Zeiten“, sinniert der Bankberater.

Von dem 80jährigen Mann in blauer Arbeitsjoppe und Schiebermütze hat er nichts zu befürchten: Er kommt sei Jahr und Tag zum Bus. „Arbeit macht das Leben süß“, motiviert er Blessin. Der kann ihm da nur zustimmen, auch wenn die Zeit an den Haltestellen schon mal lang werden kann. „Am Monatsanfang ist viel los, aber ab Mitte des Monats wird es ruhiger“. Nur selten verirren sich neue Kunden zu ihm – kein Wunder: Für den Bus wird keinerlei Werbung gemacht. Nur wenn eine Filiale schließt und der Bus als Ersatzservice eingesetzt wird, erhalten die Kunden eine Information. Blessin ist daher auf Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen. Doch der Effekt ist begrenzt: Aus Altersgründen schrumpft sein Kundenkreis anstatt zu wachsen. So freut sich der Banker immer, wenn mal ein junger Kunde an seiner Haltestelle steht. Heute jedenfalls hat sich die Tour gelohnt: 22 Überweisungsformulare zählt Blessin. „So viele habe ich nur selten.“