Meine Stadt: Antwerpen

Neon, Januar 2009

Willkommen in einer Weltstadt, durch die man sich am besten einfach treiben lässt - zwischen Modeläden mit DJs, Skulpturenparks und entspannten Frühstückscafés.
Unser Zentrum ist klein, fast dörflich, jeder kennt hier jeden. Gleichzeitig fühlt man sich wie in einer internationalen Metropole: Auf der Straße hört man Englisch, Deutsch, Französisch und Niederländisch, sieht Menschen asiatischer und afrikanischer Herkunft. Zudem haben wir eine der größten jüdischen Gemeinden Europas, in einigen Vierteln, etwa rund um den Bahnhof, prägen orthodoxe Juden mit Schläfenlocken und schwarzen Hüten das Stadtbild.
Dass es hier so kosmopolitisch zugeht, verdankt die Stadt vor allem ihrem Hafen, dem zweitgrößten Europas. Besucher führe ich gern ans Ufer der Schelde: Von der erhöhten Promenade aus hat man einen schönen Blick auf die Silhouette der Stadt. Abends sorgen die Lichter der Schiffe und der Raffinerien für eine magische Atmosphäre.
Antwerpen ist so überschaubar, dass man sich einfach treiben lassen kann - die einschlägigen Sehenswürdigkeiten wie die gotische Kathedrale oder den Grote Markt mit seinen alten Giebelhäusern kann man gar nicht verfehlen. Viele Besucher kommen vor allem zum Shoppen – in Sachen Antiquitäten und Mode ist Antwerpen weltbekannt. Während der Modemessen A Fair und Fashion Week (8./9. Februar) wimmelt es in der Stadt von schwarz gekleideten Moderedakteuren und schlaksigen Models, die ganze Stadt wird für ein paar Tage vom Glitzer und Glamour der Modewelt infiziert.
Die berühmte Modeakademie befindet sich im oberen Stockwerk des Modenatie, einem historischen Gebäude an der Nationalestraat, das außerdem einen Lifestyle-Buchladen und das Modemuseum beherbergt. Darin sind regelmäßig große belgische Designer wie Veronique Branquinho oder Martin Margiela mit Ausstellungen vertreten. Besucher unter 26 Jahren zahlen nur vier Euro Eintritt.
Die Nationalestraat ist auch die heißeste Einkaufsstraße – nicht nur wegen meiner eigenen Boutique Lila Grace, in der ich mit meiner Freundin Nathalie Mode und Accessoires für echte Ladies verkaufe. Gleich neben unserem Geschäft findet sich Jutka & Riska, ein Walhalla für Vintage-Taschen, Accessoires und Retro-Outfits. In der benachbarten Kammenstraat reiht sich ein Streetwearshop an den anderen: Im Fish & Chips legt ein DJ auf, während die Kunden neonfarbene Jacken und Plastikbrillen im 80er-Look anprobieren.
Wer mag, macht einen kleinen Abstecher zur St. Andreaskirche: Dort steht eine alte Madonnenstatue, die 2001 von der Antwerpener Modedesignerin Ann Demeulemeester eingekleidet wurde
Perfekt für eine kurze Shoppingpause ist das Café Chez Fred inmitten der Antiquitätengeschäfte in der Klosterstraat. Bei schönem Wetter vertreibt man sich auf der herrlichen Terrasse die Zeit mit Nichtstun. Im Winter ist es drinnen warm und gemütlich und Kaffee und Quiche Lorraine sind vergleichsweise günstig. Das ist nicht unbedingt die Regel in Antwerpen: Gerade im Zentraum kann Essengehen teuer werden. Die Einheimischen zieht es daher in die Südstadt. Empfehlen kann ich etwa Princess of spoons, ein gemütliches, freundliches Restaurant mit internationaler Küche, vom Clubsandwich bis Korianderbällchen auf Taboulé. Hier trifft man so gut wie nie auf Touristen. Ein fantastisches Frühstück gibt es bei Momade in der Volksstraat: Mo, der Betreiber des Cafés, serviert herrlichen Fruchtsalat, frische Säfte, duftendes Brot. Die Gäste sitzen alle an einem Tisch.
Zum Tanzen gehe ich gern ins Capital im Stadtpark, einen kleinen Elektro-Club umgeben von Natur. Gefeiert wird mit Open End - eine Sperrstunde kennt Antwerpen nicht.


Olivia De Saegher, 26, lebt seit der Schulzeit in Antwerpen. Nach einigen Semestern Lehramtsstudium eröffnete sie vor zwei Jahren die Modeboutique Lila Grace in der hippen Nationalestraat.


Hinkommen:

Wer mit der Bahn fährt, z. B. mit dem Thalys über Köln und Brüssel, kommt gleich in einem der prächtigsten Gebäude Antwerpens an, dem Hauptbahnhof. Obwohl die Stadt einen eigenen Flughafen hat, gehen die meisten Flüge nach Brüssel. Von dort fährt ein Bus in rund 45 Minuten ins Zentrum von Antwerpen.

Rumkommen:

Wenn ich Zeit habe, zieht es mich meistens in den Middelheim Park, den größten Park Antwerpens. Hier kann man herrlich spazieren gehen oder sich einfach zwischen den schönen, alten Bäumen ins Gras legen. Außerdem gibt es einen Skulpturenpark mit mehr als 300 Skulpturen. Wer Tennisschläger und Ball mitnimmt, kann die Squashanlage kostenlos nutzen.

Unterkommen:

Stilvoll übernachten kann man im Hotel Julien (www.hotel-julien.com): In den beiden historischen Häusern rund um einen grünen Patio schläft es sich ruhig, und das mitten in der Altstadt (ab 165 Euro). Für den kleineren Geldbeutel empfiehlt sich eines der vielen Bed & Breakfast, zum Beispiel das Mabuhay (www.mabuhay.be) im Künstlerviertel Zurenborg, das von einem schwulen europäisch-asiatischen Paar geführt wird. Das Doppelzimmer kostet hier zwischen 40 und 55 Euro.

Mitbringen:

Nicht jeder kann es sich leisten, aus Diamanten mitzubringen, Antwerpens berühmtestes Handelsgut. Als Alternative bieten sich die „Antwerpener Hände“ an: Das sind köstliche Mandelkekse in Form einer Hand. Ich würde sie bei Philips Biscuits kaufen – der Duft, der aus dem Laden strömt, zieht einen magisch an.

Unbedingt:

Auf den Hendrik Conscienceplein, einen wunderschönen Platz mit kleinen Bars und Restaurants. Im Sommer fühlt man sich hier wie in Südfrankreich.

Auf keinen Fall:

Abends in die Bars rund um den Grote Markt am Rathaus gehen. Dort besaufen sich nur merkwürdige Touristen.