Die Kaschmir-Kinder kommen
23.10.2008 - Kategorien: Frau & Familie
Welt.de, 22. Oktober 2008
In Designerkreisen gehört es fast schon zum guten Ton, eine Kinderkollektion auf den Markt zu bringen. Die Mühe lohnt sich: Schließlich sind Eltern spendabel wie noch nie, wenn es um die Ausstattung der lieben Kleinen geht. Dabei treibt das Geschäft mit den Luxus-Kindern immer seltsamere Blüten.
In Designerkreisen gehört es fast schon zum guten Ton, eine Kinderkollektion auf den Markt zu bringen. Die Mühe lohnt sich: Schließlich sind Eltern spendabel wie noch nie, wenn es um die Ausstattung der lieben Kleinen geht. Dabei treibt das Geschäft mit den Luxus-Kindern immer seltsamere Blüten.
Eltern haben ein neues Lifestyle-Accessoire für sich entdeckt: ihre Kinder. Nicht nur über die Wahl ihrer Jeans, ihres Handys oder der Automarke wollen Konsumenten heute ihren individuellen Stil zum Ausdruck bringen. Neuerdings müssen auch Strampelhose, Babyphone und Kinder-Buggy ins Bild passen. So zaubert sich die trendbewusste Mutter mit der Edel-Jeans von "Seven for all Mankind“ gleich nach der Geburt wieder einen knackigen Po – und stattet die Tochter gleich mit aus.
Für den Nachwuchs ist nichts mehr zu teuer
Dass die Mini-Ausführung der Seven-Jeans stolze 185 Euro kostet und vermutlich schon nach wenigen Wochen zu klein geworden ist, scheint dabei zweitrangig. Viele Eltern sind bereit, für den richtigen Look ihrer Sprösslinge gutes Geld auszugeben. Rund 2,68 Milliarden Euro haben sie im vergangenen Jahr in Baby- und Kinderkleidung investiert. Genaue Angaben, wie viel davon in das hochpreisige Kindersegment fließt, gibt es nicht, aber für die Hersteller scheint es sich offenbar zu lohnen: Immer mehr Designer und Edelmarken bringen Kollektionen für den Nachwuchs heraus.
Prada, Tommy Hilfiger, Missoni, Burberry oder Marc Jacobs produzieren Mützen, Hosen, Bikinis, Fläschchen oder Wickeltaschen für ihre jüngsten Kunden. Auch das schwedische Avantgarde-Label Acne ist seit kurzem mit einer eigenen Kinderkollektion auf dem Markt. Wie bei den meisten Designern wurden ausgewählte Erwachsenen-Modelle für die kommende Saison einfach verkleinert, etwa die grauen Oldschool-Hosenträger für Jungs. So wird das Geschäft gleich doppelt einträglich, da mit wenig Arbeitsaufwand große Margen erzielt werden können. Und: Es lassen sich kinderleicht schon die Kunden von morgen gewinnen.
Promi-Kinder sind die Vorbilder
Auch Prominente springen auf den fahrenden Zug auf und bringen eigene Kinderkollektionen auf den Markt, etwa Topmodel Helena Christensen mit ihrem Label "Name it", für das ihr eigener Sohn Modell steht, oder Bon Jovi-Schlagzeuger Tico Torres. Letzterer hat mit "Rock Star Baby" eine Kinderkollektion herausgebracht, in der es von aufgedruckten Tattoos und Totenköpfen nur so wimmelt – nichts für sensible Gemüter. Nahezu die gesamte Kollektion ist in Schwarz und Grau gehalten, auch die Kinderwagen und Birkenstock-Treter. Und das Kuschelkissen für künftige Rocker hat natürlich die Form einer Gitarre.
Gleichzeitig gelten Stars als Vorbilder für stilbewusste Eltern: Was Tom Cruises Ehefrau Katie Holmes ihrer kleinen Tochter Suri anzieht, ist in den Läden kurz danach ausverkauft. Sogar Suris Prinz-Eisenherz-Frisur wird massenhaft kopiert – auch von Mutter Katie. Bei den Jungs sieht es nicht anders aus: Schon die Söhne von Victoria und David Beckham gelten als Stilikonen.
Wenn es um sinnlosen Luxus geht, sind die Promis ebenfalls unübertroffen: US-Sängerin Jennifer Lopez schenkte ihren Zwillingen Max und Emme brillantbesetzte Rasseln zur Geburt. Überdies ließ sie verlauten, dass ihre Kleinen kein Kleidungsstück zweimal tragen müssten. Das britische Model Katie Price gab vor kurzem bekannt, dass sie ihrer Tochter Princess Tiamii, die noch nicht einmal laufen kann, bereits 100 Paar Schuhe gekauft habe. Price nennt ihren Nachwuchs deshalb liebevoll "Mini-Imelda", in Anlehnung an die Witwe des ehemaligen philippinischen Diktators Ferdinand Marcos, die in den 80er-Jahren eine Sammlung von 3 000 Paar Schuhen ihr eigen nannte.
Und wer dem Lebensstil der Großfamilie von Brad Pitt und Angelina Jolie nacheifern will, kann auf der Webseite ItsMyBinky.com für 17.000 Dollar einen mit Brillanten besetzten Schnuller aus Platin erstehen, den auch die kleine Shiloh Jolie-Pitt zu ihrer Sammlung zählt. Sollten die finanziellen Mittel etwas begrenzter sein, tut es vielleicht auch ein Lätzchen von Baby Dior für 40 Euro oder die Trinkflasche von Dolce & Gabbana für 80 Euro.
Inzwischen entdecken auch die Medien den neuen Elterntypus für sich. Stilbewusste Mütter und Väter mit hohem Einkommen sollen künftig mit eigenen Zeitschriften bedacht werden. So bringt die "Süddeutsche Zeitung“ Anfang November ein neues Familienmagazin heraus. Es richtet sich laut Verlag an "junge Mütter und Väter, für die sich Elternsein und individueller Lebensstil nicht ausschließen“. Auch beim Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr wird an einem neuen Format gewerkelt. "Nest“ heißt das Entwicklungsprojekt, das im kommenden Jahr unter dem "Stern"-Label erscheinen soll. Als Anzeigenkunden werden Hersteller von hochwertigen Konsumgüten, Möbeln und Kindermode angepeilt – und natürlich die zahlreichen Anbieter exklusiver und teurer Kinderwagen.
Denn wenn es um die Mobilität der Kleinen geht, geben Eltern mittlerweile gerne einmal 1 000 Euro und mehr für einen Babywagen aus. Die begehrten Modelle mit Luxusausstattung kommen längst nicht mehr nur vom Trend-Hersteller Bugaboo. Inzwischen gibt es auch Buggys mit Designerlogo, etwa von der italienischen Luxusmarke Fendi, oder handgearbeitete Exemplare mit Carbon-Rahmen von Concord, oder poppige Modelle von Benetton.
Für Luxus-Kinder spielt die Finanzkrise keine Rolle
In kinderreichen Großstadtvierteln wie Prenzlauer Berg in Berlin oder dem Hamburger Schanzenviertel hat sich parallel zu den teuren Designerwagen auch der Retro-Look durchgesetzt. Es gilt die Devise: Je älter und ausgefallener, desto schicker. Mindestens aus den 60er-Jahren sollte es schon sein – passend zur Wohnungseinrichtung. Auch das kindliche Outfit wird vom wieder erwachten Traditionsbewusstsein der vieler junger Eltern geprägt: So sind Schiebermützen oder Hüte aus Cord und Filz, wie sie schon die Urgroßväter der heutigen Neugeborenen trugen, wieder schwer angesagt. Auch Über-Vater Brad Pitt zeigt sich nur noch selten ohne.
Natürlich werden auch beim Spielzeug keine Kosten gescheut – wenn es um das Wohl des Kindes geht, spielt eine drohende Rezession offensichtlich keine Rolle. Im vergangenen Jahr gaben Eltern für den Spiel-Spaß ihrer Kleinsten insgesamt 278 Millionen Euro aus – und damit 12 Prozent mehr als noch 2006. Ein beliebtes Geschenk für anspruchsvolle Kinder sind etwa Mini-Ausgaben des Familiengefährts. Inzwischen ist nahezu jedes Modell als Kinderauto erhältlich: Vom Porsche Cayenne über den Mini Cooper bis hin zu diversen Oldtimern. Für die ganz Kleinen ist der Bobbycar im Design eines klassischen Saab ein echter Hingucker – mit 339 Euro hat er selbstverständlich seinen Preis.
Woher kommt diese neue Lust am Luxus-Kind? Wird hier gar das üppige Elterngeld verprasst, das bei entsprechendem Einkommen bis zu 1 800 Euro betragen kann? Die Veranstalter der Messe "Kind + Jugend“ haben eine andere Theorie: Sie glauben, dass der Geburtenzuwachs in Deutschland, gepaart mit dem öffentlich gelebten Babyboom bei den Prominenten für die steigenden Umsätze in der Branche sorgt.
Stephan Grünewald, Leiter des Düsseldorfer Rheingold-Instituts, hat noch eine weitere Erklärung für die neuen spendablen Eltern: das schlechte Gewissen, das vor allem aus der Zerrissenheit vieler Frauen zwischen Karriere und Mutterrolle herrühre. Nicht nur, dass es dem Kind an nichts fehlen soll – auch nach außen hin wollen die Eltern demonstrieren, dass sie für ihren Nachwuchs alles tun. In England hat dieses Bedürfnis bereits zu einem merkwürdigen Phänomen geführt. Nach einer Studie der Beratungsseite www.thebabywebsite.com sind Treffen mit anderen Müttern eine der Hauptursachen für weiblichen Stress. So gab jede fünfte Frau an, ihrem Kind für diesen Anlass ein Designer-Outfit anzuziehen. Und immerhin zehn Prozent gaben zu, das teuerste Spielzeug ihrer Kinder in der Wohnung auszulegen, bevor die anderen Mütter zu Besuch kommen.
Allzu weit entfernt von diesem Verhalten sind wir in Deutschland wohl nicht.
Für den Nachwuchs ist nichts mehr zu teuer
Dass die Mini-Ausführung der Seven-Jeans stolze 185 Euro kostet und vermutlich schon nach wenigen Wochen zu klein geworden ist, scheint dabei zweitrangig. Viele Eltern sind bereit, für den richtigen Look ihrer Sprösslinge gutes Geld auszugeben. Rund 2,68 Milliarden Euro haben sie im vergangenen Jahr in Baby- und Kinderkleidung investiert. Genaue Angaben, wie viel davon in das hochpreisige Kindersegment fließt, gibt es nicht, aber für die Hersteller scheint es sich offenbar zu lohnen: Immer mehr Designer und Edelmarken bringen Kollektionen für den Nachwuchs heraus.
Prada, Tommy Hilfiger, Missoni, Burberry oder Marc Jacobs produzieren Mützen, Hosen, Bikinis, Fläschchen oder Wickeltaschen für ihre jüngsten Kunden. Auch das schwedische Avantgarde-Label Acne ist seit kurzem mit einer eigenen Kinderkollektion auf dem Markt. Wie bei den meisten Designern wurden ausgewählte Erwachsenen-Modelle für die kommende Saison einfach verkleinert, etwa die grauen Oldschool-Hosenträger für Jungs. So wird das Geschäft gleich doppelt einträglich, da mit wenig Arbeitsaufwand große Margen erzielt werden können. Und: Es lassen sich kinderleicht schon die Kunden von morgen gewinnen.
Promi-Kinder sind die Vorbilder
Auch Prominente springen auf den fahrenden Zug auf und bringen eigene Kinderkollektionen auf den Markt, etwa Topmodel Helena Christensen mit ihrem Label "Name it", für das ihr eigener Sohn Modell steht, oder Bon Jovi-Schlagzeuger Tico Torres. Letzterer hat mit "Rock Star Baby" eine Kinderkollektion herausgebracht, in der es von aufgedruckten Tattoos und Totenköpfen nur so wimmelt – nichts für sensible Gemüter. Nahezu die gesamte Kollektion ist in Schwarz und Grau gehalten, auch die Kinderwagen und Birkenstock-Treter. Und das Kuschelkissen für künftige Rocker hat natürlich die Form einer Gitarre.
Gleichzeitig gelten Stars als Vorbilder für stilbewusste Eltern: Was Tom Cruises Ehefrau Katie Holmes ihrer kleinen Tochter Suri anzieht, ist in den Läden kurz danach ausverkauft. Sogar Suris Prinz-Eisenherz-Frisur wird massenhaft kopiert – auch von Mutter Katie. Bei den Jungs sieht es nicht anders aus: Schon die Söhne von Victoria und David Beckham gelten als Stilikonen.
Wenn es um sinnlosen Luxus geht, sind die Promis ebenfalls unübertroffen: US-Sängerin Jennifer Lopez schenkte ihren Zwillingen Max und Emme brillantbesetzte Rasseln zur Geburt. Überdies ließ sie verlauten, dass ihre Kleinen kein Kleidungsstück zweimal tragen müssten. Das britische Model Katie Price gab vor kurzem bekannt, dass sie ihrer Tochter Princess Tiamii, die noch nicht einmal laufen kann, bereits 100 Paar Schuhe gekauft habe. Price nennt ihren Nachwuchs deshalb liebevoll "Mini-Imelda", in Anlehnung an die Witwe des ehemaligen philippinischen Diktators Ferdinand Marcos, die in den 80er-Jahren eine Sammlung von 3 000 Paar Schuhen ihr eigen nannte.
Und wer dem Lebensstil der Großfamilie von Brad Pitt und Angelina Jolie nacheifern will, kann auf der Webseite ItsMyBinky.com für 17.000 Dollar einen mit Brillanten besetzten Schnuller aus Platin erstehen, den auch die kleine Shiloh Jolie-Pitt zu ihrer Sammlung zählt. Sollten die finanziellen Mittel etwas begrenzter sein, tut es vielleicht auch ein Lätzchen von Baby Dior für 40 Euro oder die Trinkflasche von Dolce & Gabbana für 80 Euro.
Inzwischen entdecken auch die Medien den neuen Elterntypus für sich. Stilbewusste Mütter und Väter mit hohem Einkommen sollen künftig mit eigenen Zeitschriften bedacht werden. So bringt die "Süddeutsche Zeitung“ Anfang November ein neues Familienmagazin heraus. Es richtet sich laut Verlag an "junge Mütter und Väter, für die sich Elternsein und individueller Lebensstil nicht ausschließen“. Auch beim Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr wird an einem neuen Format gewerkelt. "Nest“ heißt das Entwicklungsprojekt, das im kommenden Jahr unter dem "Stern"-Label erscheinen soll. Als Anzeigenkunden werden Hersteller von hochwertigen Konsumgüten, Möbeln und Kindermode angepeilt – und natürlich die zahlreichen Anbieter exklusiver und teurer Kinderwagen.
Denn wenn es um die Mobilität der Kleinen geht, geben Eltern mittlerweile gerne einmal 1 000 Euro und mehr für einen Babywagen aus. Die begehrten Modelle mit Luxusausstattung kommen längst nicht mehr nur vom Trend-Hersteller Bugaboo. Inzwischen gibt es auch Buggys mit Designerlogo, etwa von der italienischen Luxusmarke Fendi, oder handgearbeitete Exemplare mit Carbon-Rahmen von Concord, oder poppige Modelle von Benetton.
Für Luxus-Kinder spielt die Finanzkrise keine Rolle
In kinderreichen Großstadtvierteln wie Prenzlauer Berg in Berlin oder dem Hamburger Schanzenviertel hat sich parallel zu den teuren Designerwagen auch der Retro-Look durchgesetzt. Es gilt die Devise: Je älter und ausgefallener, desto schicker. Mindestens aus den 60er-Jahren sollte es schon sein – passend zur Wohnungseinrichtung. Auch das kindliche Outfit wird vom wieder erwachten Traditionsbewusstsein der vieler junger Eltern geprägt: So sind Schiebermützen oder Hüte aus Cord und Filz, wie sie schon die Urgroßväter der heutigen Neugeborenen trugen, wieder schwer angesagt. Auch Über-Vater Brad Pitt zeigt sich nur noch selten ohne.
Natürlich werden auch beim Spielzeug keine Kosten gescheut – wenn es um das Wohl des Kindes geht, spielt eine drohende Rezession offensichtlich keine Rolle. Im vergangenen Jahr gaben Eltern für den Spiel-Spaß ihrer Kleinsten insgesamt 278 Millionen Euro aus – und damit 12 Prozent mehr als noch 2006. Ein beliebtes Geschenk für anspruchsvolle Kinder sind etwa Mini-Ausgaben des Familiengefährts. Inzwischen ist nahezu jedes Modell als Kinderauto erhältlich: Vom Porsche Cayenne über den Mini Cooper bis hin zu diversen Oldtimern. Für die ganz Kleinen ist der Bobbycar im Design eines klassischen Saab ein echter Hingucker – mit 339 Euro hat er selbstverständlich seinen Preis.
Woher kommt diese neue Lust am Luxus-Kind? Wird hier gar das üppige Elterngeld verprasst, das bei entsprechendem Einkommen bis zu 1 800 Euro betragen kann? Die Veranstalter der Messe "Kind + Jugend“ haben eine andere Theorie: Sie glauben, dass der Geburtenzuwachs in Deutschland, gepaart mit dem öffentlich gelebten Babyboom bei den Prominenten für die steigenden Umsätze in der Branche sorgt.
Stephan Grünewald, Leiter des Düsseldorfer Rheingold-Instituts, hat noch eine weitere Erklärung für die neuen spendablen Eltern: das schlechte Gewissen, das vor allem aus der Zerrissenheit vieler Frauen zwischen Karriere und Mutterrolle herrühre. Nicht nur, dass es dem Kind an nichts fehlen soll – auch nach außen hin wollen die Eltern demonstrieren, dass sie für ihren Nachwuchs alles tun. In England hat dieses Bedürfnis bereits zu einem merkwürdigen Phänomen geführt. Nach einer Studie der Beratungsseite www.thebabywebsite.com sind Treffen mit anderen Müttern eine der Hauptursachen für weiblichen Stress. So gab jede fünfte Frau an, ihrem Kind für diesen Anlass ein Designer-Outfit anzuziehen. Und immerhin zehn Prozent gaben zu, das teuerste Spielzeug ihrer Kinder in der Wohnung auszulegen, bevor die anderen Mütter zu Besuch kommen.
Allzu weit entfernt von diesem Verhalten sind wir in Deutschland wohl nicht.